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Biodiversität aus dem Apothekerschrank

Regionales Saatgut handverlesen


Karin Böhmer aus Voitsau im Bezirk Zwettl sammelt seit 35 Jahren Wildblumensamen. Auf ihrem Dachboden trocknen jeden Sommer Samen von mehr als 900 verschiedenen Wildblumenarten. Die Vielfalt zeigt sich nicht nur in den Blumenarten, sondern auch in den regionalen Herkünften. Regionales Saatgut ist zur Erhaltung der Biodiversität besonders wichtig.


Im südlichen Waldviertel in Voitsau ist die Landschaft hügelig, abwechslungsreich und reich an unterschiedlichen Pflanzenarten. Hier lebt und sammelt seit drei Jahrzehnten Karin Böhmer. In unmittelbarer Nähe zu ihrem Haus befindet sich eine sogenannte Spenderwiese, von der sie und ihr Team regelmäßig die reifen Fruchtstände der Wildblumen händisch einsammeln. „Wir sammeln aber auch in anderen Regionen Österreichs wie beispielsweise im nördlichen Alpenvorland oder den östlichen Kalkalpen“, verrät Böhmer. Damit sind die unterschiedlichen Wuchsregionen Österreichs noch nicht vollständig abgedeckt. Das liegt einerseits an fehlenden sammelwilligen Personen, andererseits auch daran, dass in einigen Regionen ursprüngliche

Wiesen nur in einem sehr geringen Ausmaß zu finden sind. „Im südöstlichen Alpenvorland gibt es wenig Möglichkeiten, denn unsere Sammelflächen müssen ökologisch wertvolle Flächen mit einem Pflanzenbestand sein, der zumindest einige Jahrzehnte nicht stark verändert wurde. Solche Flächen sind dort kaum noch vorhanden“, sagt Böhmer. Die Spenderwiese in Voitsau ist eine sehr magere Fläche, die früher als Mähwiese genutzt wurde. „Die Fläche gehört einem Landwirt, der damit einverstanden ist, dass wir hier sammlen. Wir klären grundsätzlich im Vorhinein mit den Eigentümern, ob wir sammeln dürfen“, erklärt Böhmer.


Scharfblick und guter Wille

Mit einer Pflanzenschere und alten Kopfkissenbezügen als Sammelbehälter ausgestattet geht es die Wiese bergauf. Bis zu einhundert verschiedene Wildblumen wachsen auf der Fläche. Sie ist ab April beinahe täglich unterwegs, denn die Samen der Wildblumen bilden sich zu unterschiedlichen Zeiten aus. Karin Böhmer kennt rund zweitausend verschiedene Pflanzenarten. Bereits aus weiter Ferne entdeckt sie eine Ansammlung kleiner rosafarbener Blütenpflanzen. „Das da drüben ist Dost.“ Sie nimmt den Samenstand in ihre Hand und reibt ihn zwischen ihren Händen, sodass sich winzig kleine Samenkörner lösen. „Wir warten, bis das meiste abgeblüht ist und nehmen nur die Spitzen der Fruchtstände, um an den Samen zu gelangen. Wir graben auch keine Pflanzen aus“, sagt Böhmer. Geschützte Pflanzen dürfen nur mit einer durch die Naturschutzbehörde erteilten Ausnahmebewilligung gesammelt werden. Deswegen ist Artenkenntnis für Sammler:innen unerlässlich. „Um zu sammeln braucht man kein Vorwissen, allerdings muss man bereit sein, zu lernen und sich Wissen anzueignen.“ Unerfahrene Sammler:innen konzentrieren sich bei den Sammelgängen anfangs nur auf eine bis maximal zwei Pflanzenarten. Mit der Zeit erweitert sich kontinuierlich das Artenspektrum. "Das Geschenk des Sammelns ist auch die entstehende Beziehung zu den Pflanzen. Man steht in der Wiese und plötzlich fallen einem so viele Details auf", schildert Böhmer. Vielfalt ist unter anderem auch eine Frage der Wahrnehmung: „Wir können die Vielfalt rasch verlieren, weil sie nur den wenigen Leuten auffällt, die sich damit auseinandersetzen.“


Von selbst geht nichts mehr

Auch in Voitsau ist der Rückgang der Artenvielfalt im Gang. Prominenter Vertreter einer Pflanzenart, die aufgrund merklicher Veränderungen in der Landwirtschaft beinahe an den Rand des Aussterbens gedrängt wurde, ist der Böhmische Enzian. Früher eine weit verbreitete Art der Böhmischen Masse bestehen heute nur noch wenige Exemplare. „Die Leute sagen heute noch, dass der Böhmische Enzian eh auf jedem Feldrain wächst, doch das entspricht nicht der Realität. Das war vor 70 Jahren noch so“, sagt Böhmer. Heute sind die wenigen Vorkommen isoliert. Unterschiedliche Faktoren führen zum Verinseln von Pflanzenbeständen. Feldraine werden überdüngt, Straßenränder verbreitern sich, Zwischenstrukturen werden entfernt. „Pflanzen sind wenig mobil. Barrieren wie Straßen oder große intensiv genutzte Flächen hindern sie an ihrer Ausbreitung. Mit dem Sammeln machen wir das, was die Pflanzen selbst nicht mehr können“, erklärt Böhmer.


Dachboden der Vielfalt

Bis in den Oktober wird gesammelt. Die geernteten Samen aus österreichweit rund 200 verschiedenen Spenderflächen werden nach dem Sammelgang von der Wiese auf den Voitsauer Dachboden gebracht. Hier ist es warm und trocken – ideale Bedingungen, damit die Samen trocknen können. Unzählige bunte Kopfkissenbezügein unterschiedlichen Größen hängen an den Seiten. An jedem Säckchen haftet ein farbiges Kärtchen, auf dem das Sammeldatum, der Sammelort und die enthaltene Art notiert sind. Die Angabe des Sammelorts spielt eine wichtige Rolle, denn bei der späteren Zusammenstellung von Saatgutmischungen wird akribisch auf die regionale Herkunft geachtet. „Johanniskraut aus der Wachau ist anders als Johanniskraut aus dem Seewinkel. Eine Schafgarbe aus der Böhmischen Massewird sich in Vorarlberg schwer- tun.“ Grund dafür ist die genetische Anpassung der Pflanzen an ihren Standort (mehr dazu lesen Sie in unserer Aktuellen Ausgabe auf Seite 16). Bevor das Saatgut zusammengemischt wird, müssen die Samen aus den Fruchtständen entfernt werden.


Fingerspitzengefühl und jahrelange Erfahrung

Mehrere hundert winzig kleine Samenkörner können sich in einem einzigen Fruchtkörper befinden. „DenFruchtstand jetzt einfach auf den Boden zu werfen, macht keinen Sinn. Samen brauchen Kontakt zum Boden. Es würde eine Vielzahl an Samen vergeudet werden“, sagt Böhmer. Zwischen November und April werden die Reinsamen gelöst, in kleine Behältnisse gefüllt und erneut mit den bunten Kärtchen versehen. In ihrem Apothekerschrank verwahrt Karin Böhmer bis zu 900 verschiedene Wildsamen. Je nach Bestellung werden die Saatgutmischungen mit einer großen Portion Fingerspitzengefühl und langjähriger Erfahrung zusammengemischt. Damit die richtigen Pflanzenarten ausgewählt werden, müssen im Vorfeld bestimmte Indikatoren geklärt werden. Dazu zählen die Region und Seehöhe, Exposition, Bodenart und -farbe, die Wasserversorgung aber auch die Bewirtschaftung. „Neben den Standortansprüchen ist das Pflegeregime ein wichtiger Faktor, um die richtigen Pflanzenarten zu bestimmen. Bei Wiesen, die zweimal gemäht werden, wird der Anteil an Margeriten, Heilziest und Pechnelken größer sein als der Anteil an Königskerzen oder Ochsenaugen.“ Die Saatgutmischungen von Karin Böhmer sind über die heimische Grenze hinaus bekannt. Nicht nur Landwirte und Privatpersonen, sondern auch Gemeindeverterter:innen begleiten sie auf ihren Sammelspaziergängen, um von ihr zulernen. „Es ist wichtig, dass es Sammler gibt, die sich auskennen und auf den Verlust der Wildblumen aufmerksam machen und dagegensteuern. Im Prinzip müsste nichts aussterben, denn man kann gefährdete Arten wieder ansiedeln.“


Weitere Infos:

Auf der Webseite des REWISA-Netzwerks finden Sie Anbieter:innen regionalen Saatguts: http://www.rewisa.at/Fachbetriebe/Saatgutlieferanten.aspx


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A) Wiesenknopf

B) Lerchensporn

C) Rittersporn