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Krapfen statt Donuts

DI Dr. Arthur Schindelegger arbeitet an der TU Wien im Forschungsbereich Bodenpolitik und Bodenmangement.

Österreich ist Europameister in Bodenverbrauch und Bodenversiegelung. Täglich werden über das letzte Jahrzehnt betrachtet ca. 15 ha in Anspruch genommen. Warum sind wir Europameister?


Das ist tatsächlich kein Ritterschlag, wenn man da den Titel des Europameisters trägt. Wir teilen uns diesen Titel mit Flandern in Belgien. Ich war dort gerade auf einer Konferenz und wir haben diese Fragen „Woran liegt das? Wer ist schuld an diesem Dilemma? Wer hat warum versagt?“ heiß diskutiert. Die Antwort ist vielschichtig. Es ist unstrittig, dass wir in den letzten 40 Jahren sehr viel gebaut haben, die Bauwirtschaft hat in Österreich einfach hohe regionalwirtschaftliche Bedeutung, wir haben eine sehr ausgeprägte Verkehrsinfrastruktur, Österreich hat pro Kopf in Europa mithin die meisten Straßenkilometer. Viele Standorte wie zum Beispiel Outlet-Zentren, die wir erschlossen haben, sind für uns vielleicht gar nicht so bedeutend, aber im internationalen Kontext eben von Bedeutung. Wir haben in der Raumplanung eine relativ liberale Verfassung, also starke Gemeinden, die hier Entscheidungen treffen können, die Länder,

die Wirtschaftsstandorte entwickeln, und dann alles auf Bundesebene dazu, was etwa Eisenbahnen und Schnellstraßen betrifft. Es ist also auch ein Konvolut der geteilten Verantwortung.


Wenn man sich die Dynamik anschaut – gibt es Optimismus?

Der Trend in Österreich betreffend Flächeninanspruchnahme geht Gott sei Dank zurück, die Bemühungen gehen ganz klar dorthin. Wichtig war dabei der kürzliche Beschluss der politischen Raumordnungskonferenz letzten Herbst, an dessen Zustandekommen Politik und Interessensvertretungen beteiligt waren. Im Rahmen der Konferenz war man sich in einer Sache vollkommen eins: Wir wollen und brauchen eine österreichweite Bodenschutzstrategie, um Bund, Land und Gemeinden besser aufeinander abzustimmen. Die ist jetzt gerade in Ausarbeitung.


Was bewirkt der Bodenverbrauch für die Umwelt und im Speziellen für die Biodiversität?

Das ist ein wesentlicher Punkt. Jedes Mal, wenn Boden versiegelt wird, wird ihm die Bodenfunktion weggenommen, er kann kein Wasser mehr speichern, er verliert die Produktivität für die Landwirtschaft. Mit dem Bodenverbrauch ist aber auch verbunden, dass wir uns

ständig in die Fläche ausbreiten. Und das ist nicht immer kompakt. Wir zerschneiden wichtige Lebensräume und bekommen mit der Biodiversität große Probleme. Das ist ein großer

Punkt. Denn ohne Berücksichtigung der Biodiversität werden wir unsere Klimaschutzziele und eine wirksame Klimawandelanpassung unmöglich erreichen.


Wo fehlt uns Wissen oder Kreativität, um in der Frage des Bodenverbrauchs weiterzukommen?

Bei den regulatorischen Fragen ist noch einiges offen. Was muss ich zum Beispiel vielleicht per Gesetz einführen oder ändern, was braucht es an Verpflichtungen. Oder die grüne Infrastruktur

– gewisse Grünflächen sollten in Zukunft jedenfalls als Teil der Baufläche erhalten bleiben. In diese Richtung sollte es zum Beispiel bei einer qualitativ hochwertigen Bebauung gehen.

Auch Ortschaften sollten sich anders entwickeln. Das Schlechteste ist, draußen ist es schön glänzend, in der Mitte haben wir ein Loch. Der Verein LandLuft bezeichnet das treffender

Weise als Donutpolitik. Das richtige wäre, in der Mitte das Süße, ein guter Kern. Das wünschen wir uns: schöne, lebendige Ortskerne. Also sehr einfach gesagt: ein guter Krapfen. Wir brauchen in der Raumplanung Krapfenpolitik statt Donutpolitik.


Und womit könnten wir sofort anfangen?

Vieles ist ad hoc möglich. Jeder von uns kann sich in die Kommunalpolitik mehr einbringen. Genau das zeigen ja die positiven Beispiele, die der Verein LandLuft mit seinen Baukulturgemeindepreis präsentiert. Die Unterstützung der Bevölkerung für solche Ideen ist

sehr wichtig. Mandatare werden gewählt – die Entscheidung selbst liegt aber bei den Wähler:innen.


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